Fachkräftemangel vs. Digitalisierung: Welches ist das größte Problem?

Die wichtigsten Job-Themen unserer Zeit: Der Fachkräftemangel und die Folgen der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt. Welches Problem ist größer und wie kann man beide Probleme zum Nutzen vieler Berufsgruppen lösen?

Fachkräftemangel in Deutschland: Das Problem und seine Folgen für die Wirtschaft

Was genau ist eigentlich ein Fachkräftemangel? Es handelt sich um einen Zustand, wo eine große Anzahl an vorhandenen höherwertigen Arbeitsplätzen nicht mehr von entsprechend qualifiziertem Fachpersonal besetzt wird. In der Regel, weil diese Mitarbeiter schlicht nicht vorhanden sind.

In welchen Branchen zeigt sich der Fachkräftemangel besonders? Laut Bundesagentur für Arbeit werden händeringend ausgebildete Pflegekräfte gesucht, aber zum Beispiel auch Fachkräfte für Sanitär- und Heizungstechnik. IT-Experten oder Ingenieure im Tiefbau sind ebenfalls heiß begehrt. Qualifizierte Arbeitnehmer haben oft eine so große Auswahl, dass sie ihren Wunsch-Arbeitgeber frei wählen können.

Digitalisierung oder Fachkräftemangel: Das größere Problem?

Beides hängt zusammen: Der Fachkräftemangel erschwert laut einer aktuellen Studie von Ernst & Young (März 2018) gerade mittelständischen Unternehmen die für den Erfolg der Firma nötige Digitalisierung. Eine große Mehrheit von 74 Prozent sieht in der Digitalisierung Chancen, kann aber momentan nicht genug qualifizierte Mitarbeiter finden.

  • Mangel an Fachkräften vordergründig größeres Problem
  • Fachkräfte benötigen aber digitale Kompetenz, um wertvoll zu sein
  •  Technische Berufe und Pflegeberufe stark betroffen
  • Je stärker Digitalisierung etabliert, umso besser für Firmen und Regionen
  • Neue Jobs entstehen durch Digitalisierung (Rückgang von Fachkräftemangel)

Ingenieure oder Pflegekräfte fehlen in erheblichem Ausmaß

Bestimmte Berufsgruppen mit hohem Anforderungsniveau sind also in Zeiten von Fachkräftemangel gefragt wie selten. Fehlen sie, drohen Engpässe. Bauprojekte verschleppen sich und werden teurer, weil nicht genügend Ingenieure bei der Planung beteiligt sind. Laut Fachportalen wie „Get in Engineering“ gab es 2017 alleine 81.000 freie Stellen im Ingenieurswesen. Die Vakanzzeit bis eine neue Stelle besitzt wird, vergrößert sich weiter.

Auch Patienten erhalten in Einzelfällen nicht die notwendige medizinische Versorgung, weil examinierte Pflegekräfte in Kliniken oder Altenheimen nicht in ausreichender Zahl zur Verfügung stehen. Private Haushalte müssen unter Umständen ein paar Tage in kalten Wohnungen leben, weil am Markt zu wenig Heizungsexperten vorhanden sind.

Fachkräftemangel und Digitalisierung: Überraschende Gemeinsamkeiten

Der Fachkräftemangel in Deutschland ist also existent. Aber nicht in jeder Region und nicht in jeder Branche. So zieht es Fachkräfte vor allem in die Boom-Regionen der Republik mit ihren hohen Löhnen wie München oder Stuttgart. In abgehängten Gegenden wie dem Ruhrgebiet oder in Teilen Ostdeutschlands zieht es hingegen nur selten gut ausgebildete Arbeitnehmer.

Deren wirtschaftliche Zukunft hängt auch davon ab, wie sie sich beim Thema Digitalisierung schlagen. Gewinnt man viele erstklassig ausgebildete Arbeitnehmer aus dem IT-Bereich, können sich im besten Falle Regionen wirtschaftlich erholen und damit als Folge für alle Arbeitnehmer attraktiver werden. Insofern lassen sich auch Gemeinsamkeiten zu den Themenbereichen Fachkräftemangel und Digitalisierung finden. Eine gesunde Wirtschaft hängt eben von vielen Komponenten ab.

Trend zur Digitalisierung: Neue Jobs für qualifizierte Mitarbeiter

Fachkräftemangel und Digitalisierung stehen in engem Zusammenhang. Da ist zum Einen der Wunsch der Wirtschaft nach stärkerer Digitalisierung, um den Fachkräftemangel durch Rationalisierung zu umschiffen. Auf der anderen Seite erfordert gerade die Digitalisierung mehr Mitarbeiter mit IT-Kompetenzen, welche auf dem Arbeitsmarkt aktuell nicht zu finden sind. (#1)

Fachkräftemangel und Digitalisierung stehen in engem Zusammenhang. Da ist zum Einen der Wunsch der Wirtschaft nach stärkerer Digitalisierung, um den Fachkräftemangel durch Rationalisierung zu umschiffen. Auf der anderen Seite erfordert gerade die Digitalisierung mehr Mitarbeiter mit IT-Kompetenzen, welche auf dem Arbeitsmarkt aktuell nicht zu finden sind. (#1)

Das „Problem“ bei der Digitalisierung besteht darin, dass Arbeitnehmern ein immer höheres Know-how in Sachen IT abverlangt wird. Und natürlich, dass Arbeitsplätze durch eine verbesserte digitale Infrastruktur wegfallen können. Als Beispiele seien Fertigungsberufe in der Industrie genannt, die durch Automatisierung nicht mehr benötigt werden. Oder noch anschaulicher U-Bahnen, die ohne Fahrer Passagiere transportieren. Oder komplexe 3D-Drucker, die ohne große Hilfe Gegenstände aller Art bis zu größeren Autoteilen selbst herstellen können.

Technisch schon heute alles möglich und bei entsprechendem Anforderungsniveau von Spezialisten zu bedienen. Auch, um im Zweifel eine Sanktionslistenprüfung korrekt zu bearbeiten. Im Bewerbermanagement kann auch so etwas verlangt werden, um geeignete Arbeitskräfte für die Jobs von morgen zu finden. Genau diese Spezialisten zu finden oder im Zweifel auszubilden, ist wertvoll für Unternehmen.

Qualifizierung als Lösung bei Fachkräftemangel

Zwei Seiten einer Medaille: Folgen der Digitalisierung können also durch gezielte Qualifizierung kommender Generationen abgemildert werden. Parallel dazu bildet man geschulte Arbeitnehmer heran, die zumindest einen Teil vom Fachkräftemangel beheben können. Als Ingenieure mit digitaler Kompetenz komplexe Bauprojekte leiten oder in der industriellen Fertigung über den technisch neuesten Stand informiert sein und Maschinen bedienen können.

Selbst in Pflegeberufen ist heute digitales Wissen gefragt. Etwa in verbesserter Kommunikation mit Patienten über Videotelefonie oder Tablet. Bettlägerige Menschen benötigen natürlich auch in Zukunft direkte Hilfe, aber eines Tages stehen auch intelligente Roboter als Zusatz-Hilfe zur Verfügung. Für die examinierte Krankenschwester ist das keine Bedrohung, sondern eher Entlastung.

Auch ältere Arbeitnehmer qualifizieren (demografischer Wandel)

Ein Ausweg aus dem Fachkräftemangel ist die Qualifizierung älterer Arbeitnehmer. Lebenslanges Lernen wurde erst nach dem Auftreten der Folgen des demographischen Wandels als sinnvoll erachtet. Dahiter steht die Notwendigkeit, die Wirtschaft mit Fachkräften versorgen zu müssen. (#2)

Ein Ausweg aus dem Fachkräftemangel ist die Qualifizierung älterer Arbeitnehmer. Lebenslanges Lernen wurde erst nach dem Auftreten der Folgen des demographischen Wandels als sinnvoll erachtet. Dahiter steht die Notwendigkeit, die Wirtschaft mit Fachkräften versorgen zu müssen. (#2)

Wenn immer weniger Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, sollten nicht nur Arbeitnehmer Mitte 30 geschult werden. Auch die Generation der über 50-jährigen benötigt eine sinnvolle Weiterbildung, um im Betrieb noch 10 bis 15 Jahre wertvolle Arbeit leisten zu können. Aufgrund des demografischen Wandels (weniger Geburten, mehr Sterbefälle) rücken in Zukunft einfach weniger neue Arbeitskräfte nach. Was ist also sinnvoller, als ältere, erfahrene Kräfte anhand ihrer jeweiligen Tätigkeit fortzubilden. Auch eine Vakanzzeit wird als Folge oft reduziert.

Das sieht bei einer Führungskraft naturgemäß anders aus als bei Kollegen in der Fertigung. Wenn aber zielgerichtet qualifiziert wird, profitieren alle. Ältere Mitarbeiter erhalten auch in Zeiten der Digitalisierung wieder eine Perspektive. Das Unternehmen selbst besitzt nach einer Weiterbildung starke Fachkräfte, die Aufträge korrekt bearbeiten können oder als Führungspersönlichkeit ihre Firma weiter mit Kompetenz nach außen vertreten. So agil junge Mitarbeiter aus sein mögen, spielen auch Erfahrung eine wichtige Rolle bei der Weiterentwicklung der Firma.

Im Idealfall nützlich ist, dass beide Seiten voneinander profitieren. Der Ältere gibt das in Jahrzehnten erlernte Wissen weiter, solange es auch in Zeiten der Digitalisierung zu verwenden ist. Und der Jüngere, in der neuen Digitalwelt aufgewachsene zeigt, wie sich die Arbeitswelt und auch Tätigkeiten dank digitaler Hilfe verändert haben. Solange beide Seiten etwas lernen, ist das Ziel erreicht. Für Unternehmen bedeutet das: Der Fachkräftemangel dürfte weniger schwerwiegende Folgen haben, da alle (oder die meisten) Beschäftigten gut aufgestellt sind.

Fachkräftemangel: Zuwanderung qualifizierter ausländischer Arbeitskräfte als Lösung?

Ein möglicher Ausweg aus dem Fachkraeftemangel: Decken des offenen Bedarfs an Fachkräften durch Zuwanderung qualifizierter ausländischer Arbeitskräfte. (#3)

Ein möglicher Ausweg aus dem Fachkraeftemangel: Decken des offenen Bedarfs an Fachkräften durch Zuwanderung qualifizierter ausländischer Arbeitskräfte. (#3)

Die Bundesagentur für Arbeit hat eine sogenannte Positivliste von Berufen aufgestellt, in denen qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland den Mangel an Fachkräften beheben könnten. Dazu zählen Tätigkeiten in der Mechatronik, der Automatisierungstechnik (industrieller Bereich), aber auch Tätigkeiten in der Altenpflege. Bei einigen Jobs verlangt die Bundesagentur zudem Spezialisten mit noch weiter reichenden Anforderungsniveau im Bewerbermanagement. Dabei handelt es sich um gehobene Positionen, wo es auch um Personalverantwortung geht.

Logisch: Auch diese ausländischen Mitarbeiter müssen Know-how in unserer digitalen Welt besitzen. Auch hier ist also die Frage Fachkräftemangel in Deutschland vs. Digitalisierung nicht so einfach zu beantworten. Beides ist entscheidend: Neue Mitarbeiter, die wichtige Aufgaben übernehmen und damit sich selbst, dem Unternehmen und als Folge der gesamten deutschen Wirtschaft nützen. Solange ausländische Fachkräfte ins Land kommen, welche die geforderten Kompetenzen erfüllen, nützt es uns allen.

Die Firmen mit ihren vollen Auftragsbüchern können Projekte in der geforderten Zeit abarbeiten. Die Kunden der Firmen profitieren, wenn sie Leistungen pünktlich erhalten und im Zweifel eigene Kunden schnell bedienen können. Es hängt also ein ganzer „Rattenschwanz“ daran, wenn aufgrund von zu wenig Fachkräften keine Leistungen erbracht werden können.

Fazit: Der Fachkräftemangel ist ein Thema, das auf der wirtschaftlichen Agenda ganz oben steht. Die Frage, wie gut ausgelastete und wirtschaftlich gesunde Firmen in den nächsten Jahren weiter qualifizierte Mitarbeiter bekommen, treibt die Entscheider um. Nicht so einfach kann eine andere Frage beantwortet werden. Nämlich, ob der Mangel an Fachkräften oder die Digitalisierung aller Lebensbereiche das größere Problem darstellt.

Denn beide Seiten hängen zusammen. Gute Fachkräfte verfügen über viel Kompetenz in Fragen der Digitalisierung und stärken Unternehmen und ganze Wirtschaftszweige wie auch Regionen. Der Mangel an geeigneten Fachkräften ist dann wohl schon das größere Problem, weil mit der Digitalisierung mehr Chancen als Risiken verbunden sind. Nachteile der digitalen Ausgestaltung wie Automatisierungsprozesse können Beschäftigte durch stetige Weiterbildung auffangen, indem sie digitale Kompetenzen erwerben.

Insofern stellt der Mangel, kompetente Beschäftigte zu finden, das größere Problem dar. Neben Qualifizierung haben Unternehmen auch die Möglichkeit, Fachkräfte aus dem Ausland einzuladen, in Deutschland zu arbeiten. Ist Engagement und Wissen seitens der Facharbeiter vorhanden, kann sich dieses Anwerben zu einer Erfolgsstory für die Wirtschaft entwickeln.

Voraussetzung ist, wirklich hochwertige Tätigkeiten zu erledigen. Fachlich geschulte Mitarbeiter erledigen nun einmal wichtige, die Sanktionslistenprüfung gehört dazu aber auch andere Bereiche, welche ein sehr hohes Anforderungsniveau voraussetzen.

Fachlich versiertes Personal für komplexe Aufgaben gesucht

Die Bedienung an komplexen Maschinen gehört auch dazu. Ebenso wie die Fähigkeit, das Wissen an andere Mitarbeiter in Form von Schulungen weiterzugeben.

In diesem Zusammenhang wichtig: Ausreichende Deutschkenntnisse, die schon vorher erworben werden sollten, um hier gleichberechtigt mit deutschen Kollegen mitzuarbeiten. Erst wenn bei ausländischen Berufsgruppen dieses Know-how vorhanden ist, lohnt es, Kräfte aus dem Ausland wie Ingenieure hierher zuholen.

Ausnahmen können unter Umständen Pflegekräfte sein, die zwar inzwischen auch medizinische Geräte wie Infusionen nach ärztlicher Anweisung bedienen müssen, die aber selbstverständlich keine international gesuchte Top-Kraft sei müssen, um hier den Mangel an fachlich geschultem Personal auszugleichen.


Bildnachweis: © Shutterstock – Titelbild kentoh, #1 Gorodenkoff, #2 Agenturfotografin, #2 kentoh

Über Marius Beilhammer

Marius Beilhammer, Jahrgang 1969, studierte Journalismus in Bamberg. Er schreibt bereits viele Jahre für technische Fachmagazine, außerdem als freier Autor zu verschiedensten Markt- und Businessthemen. Als fränkische Frohnatur findet er bei seiner Arbeit stets die Balance zwischen Leichtigkeit und umfassendem Know-how durch seine ausgeprägte Affinität zur Technik.

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