Politisches und soziales Engagement: Warum der Kampf gegen die „Zweidrittel-Gesellschaft“ so wichtig ist

Erich Kästner bezeichnete einst staatliche Lehranstalten spöttisch als „Konservenfabriken der Gesellschaft“.Und er hat auch Recht, zumindest zum Teil: Im Leben geht es nicht nur um Noten und Schulabschlüsse, wenngleich diese Einstellung viele Absolventen diverser Bildungsinstitute nicht teilen.

Ist die junge Generation wirklich ohne Grundsätze und Werte?

Schließlich bleibt die alte Grundregel unverändert: „Oben bleibt oben und unten bleibt unten“. Und Fakt ist: Bildung bestimmt in zunehmendem Maße die individuellen Lebenschancen eines jeden Menschen – diese Sicht teilt auch die Bundeszentrale für politische Bildung.

Leider ist in Deutschland auch weiterhin das soziale Umfeld die wichtigste Determinante für die Nutzung von Bildungsmöglichkeiten und damit verbunden für den späteren beruflichen Erfolg von Kindern und Jugendlichen. Ein Mensch braucht folglich seine Mitmenschen, um sich beruflich und persönlich entfalten zu können. Ohne politisches und soziales Engagement einzelner Bürger würden aus prekären Verhältnissen stammende Mitmenschen in die soziale Isolation und berufliche Chancenlosigkeit abdriften. Doch für derartiges Engagement fehle den meisten Bürgern heutzutage schlichtweg die Zeit.

Der jungen Generation wird sogar vorgeworfen, dass sie mit einer „emotionalen Dummheit“ durch die Welt ginge, ohne sich an irgendwelche Grundsätze und Werte zu halten. Wie kann es sein, dass sich heutzutage viele Menschen nur an ihre selbst geschmiedeten Überzeugungen zu halten scheinen? Was lässt sich dagegen tun?

Video: Auszeichnung für soziales Engagement Jugendlicher

Politikverdrossenheit und der Defätismus vieler Bürger

Am 14. Oktober sind Landtagswahlen in Bayern und am 28. Oktober in Hessen. Wer an diesen Sonntagen zur Wahlurne geht oder per Briefwahl abstimmt, hat die Chance seinem jeweiligen Landtag einen persönlichen Zuschnitt zu verpassen. Anders als auf Bundesebene wird in Bayern beispielsweise die Erst- und Zweitstimme zusammengezählt und erst im Anschluss nach dem Grundsatz der Verhältniswahl in Mandate umgerechnet. Das bietet dem Wähler zusätzliches politisches Einflusspotenzial.

Sind die letzten Überhangs- und Ausgleichsmandate erst einmal vergeben, so wird sich zeigen, welche neuen Entwicklungen und Trends die Bayern bzw. die Hessen derzeit beschäftigen. Schließlich symbolisieren die Parteien stets Interessen und Kämpfe um Macht innerhalb einer Gesellschaft (→ „Cleavages“). Doch die allermeisten Menschen scheint der Ausgang der Wahlen kaum zu interessieren. Denn viele Leute legen vielmehr eine Haltung an den Tag, demnach sie an einen Sinn oder einen tatsächlichen Mehrwehrt ihrer Stimmabgabe kaum glauben.

Schlechte Wahlbeteiligungsquoten und mangelndes Vertrauen in demokratische Institutionen, Amtsinhaber sowie Grundrichtlinien, sind die Konsequenz. Bürgerinitiativen und Demonstrationen werden seltener gestartet oder verlaufen im Sand. Woher kommt diese Politikverdrossenheit? Die Hintergründe sind vielschichtiger, als Sie zunächst ahnen.

Und Fakt ist: Bildung bestimmt in zunehmendem Maße die individuellen Lebenschancen eines jeden Menschen – diese Sicht teilt auch die Bundeszentrale für politische Bildung. (#01)Und Fakt ist: Bildung bestimmt in zunehmendem Maße die individuellen Lebenschancen eines jeden Menschen – diese Sicht teilt auch die Bundeszentrale für politische Bildung. (#01)

Und Fakt ist: Bildung bestimmt in zunehmendem Maße die individuellen Lebenschancen eines jeden Menschen – diese Sicht teilt auch die Bundeszentrale für politische Bildung. (#01)

Die Zivilgesellschaft als Kontrollinstanz

Wer sich politisch engagiert, engagiert sich, Studien zur Folge, auch gerne sozial. Soziales Engagement hat eine lange Tradition. In der Antike war die Zivilgesellschaft ein Synonym für die ideale Lebensweise von freien Bürgern: Freiwillige Vereinigungen hatten damals schon eine immense Bedeutung für das friedliche Zusammenleben von Menschen. Die Selbstorganisation einer Gesellschaft stützte sich damals auf das Engagement einzelner Bürger, die sich weder an den Imperativen der Marktwirtschaft noch an den Hoheitsansprüchen des Staates widerspruchslos orientierten. Dieses Engagement wirkt bis heute noch nach, da es maßgeblich unsere heutigen Lebensbedingungen begünstigt hat.

Um damals üblichen Repressalien unkontrollierter Herrschaft wirksam zu begegnen, haben engagierte Menschen für Mitsprache und Teilnahmerechte in ihren jeweiligen Ländern und auch Unternehmen gekämpft. Die Einführung von Betriebsräten beispielsweise war ein Meilenstein und ein Dorn im Auge willkürlich angewandten, autonomen Firmenrechts. Jedem Arbeitnehmer kann daher nur eine Schulung für das Amt des Betriebsrats empfohlen werden.

Es gibt ferner auch andere Möglichkeiten, sich sozial zu engagieren: Sei es etwa ein Ehrenamt bei einer karitativen, prosozialen Einrichtung oder das Mitwirken in lokalen Vereinen, soziales Engagement hat viele Gesichter und ist ganz im Sinne von Goethe, der einst formuliert hat: „Jeder kehre vor der eigenen Tür und die Welt ist sauber“. In einer Welt, die nur auf Egoismus und Selbstoptimierung ausgerichtet zu sein scheint, ist dies jedoch leider keine Selbstverständlichkeit mehr.

Auf der ständigen Suche nach dem wie auch immer gearteten „guten“ Leben betrachten sich die Menschen heutzutage selbst als eine Art „Kunstwerk“, das es fortwährend zu optimieren gilt. (#02)

Auf der ständigen Suche nach dem wie auch immer gearteten „guten“ Leben betrachten sich die Menschen heutzutage selbst als eine Art „Kunstwerk“, das es fortwährend zu optimieren gilt. (#02)

Der Drang zur Individualisierung und Selbstoptimierung

Spätmoderne Gesellschaften zeichnen sich durch einen hohen Individualisierungsgrad aus. Der soziale Aufstieg vieler deutscher Familien sowie die Pluralisierung von Lebensstilen haben zu einer zunehmenden Diversifizierung von Vorstellungen eines „guten“ Lebens beigetragen. Diese Prozesse haben auch zu einem paradigmatischen Übergang in eine Erlebnisgesellschaft bezüglich der eigenen Handlungsorientierung geführt. Die individuelle Erlebnisorientierung wird nun als Grundlage fast jeden Handelns angesehen.

Diesem Status Quo liegen allgemein drei Entwicklungen zugrunde:

  • Steigerung des Bildungsniveaus
  • Verkürzung der Arbeitszeit
  • Zugewinne im Wohlstandsniveau

Diese Entwicklungen sind der Nährboden für eine über alle vorherrschenden Maßen übersteigerte Betonung des eigenen Geschmacks (→ „Ästhetizismus“) und für eine egozentrierte Weltperspektive. Da im Sinne Nietzsches auch die Frage nach dem, wasrichtig und „falsch“ sowie „gut“ und „böse“ ist, stets ein ästhetisches Urteil bzw. eine Frage des Geschmacks sei, werden in der heutigen Zeit sämtliche Lebensbereiche durch eigene Prinzipien beurteilt. Infolgedessen werden gesellschaftlich anerkannte, moralische Grundwerte von eigenen Überzeugungen ausgehöhlt und zur Frage des subjektiven Geschmacks.

Auf der ständigen Suche nach dem wie auch immer gearteten „guten“ Leben betrachten sich die Menschen heutzutage selbst als eine Art „Kunstwerk“, das es fortwährend zu optimieren gilt. Das klassische Selbstverständnis eines im Sinne der Zivilgesellschaft agierenden Bürgers ist heutzutage deswegen kaum noch ausgeprägt, weil individuellste Vorstellungen von einem „guten“ Leben seltener das Gemeinwohl miteinbeziehen als früher. Doch damit verlieren Bürger gleichzeitig ihre kritische Perspektive auf die sie kontinuierlich beeinflussenden Instanzen Markt und Politik, weisen sämtliche Verantwortung für ihre Mitmenschen von sich und vertrauen diesen weniger.

Video: Soziale Ungleichheit und Folgen für die Gesellschaft

Die Relevanz gemeinnütziger Sozialstrukturen

Eine erfolgreiche Einbindung von Menschen in soziale Strukturen ist ein stetiger Garant für Gesundheit und Selbstentfaltung. Um nicht in die Depression abzudriften, braucht jeder Mensch die Liebe, das Vertrauen und das Gefühl der Zugehörigkeit zu Mitmenschen, zu einer Gemeinschaft bzw. zu einer Gruppe. Doch Fakt ist, dass wir uns in Deutschland bereits in einer sogenannten „Zweidrittel-Gesellschaft“ befinden. Dieser Begriff beschreibt die Anzahl der Menschen (zwei Drittel), die nicht von sozialer Exklusion betroffen sind, da sie beispielsweise von chronischen Krankheiten bzw. psychischen Beschwerden stets verschont blieben.

Um die Sorgen und Nöte dieses Bevölkerungsanteils begreifen zu können, ist ein gewisses Maß „emotionaler Intelligenz“ vonnöten. Und eben die Ausbildung dieser Intelligenz scheint heutzutage bei vielen Menschen nicht weit vorangeschritten zu sein. Das heißt, sie besitzen nur in geringem Maße Empathie, was eine mangelnde Begeisterungsfähigkeit, Intuition und moralische Integrität ebenso zur Folge hat wie etwa die Fähigkeit, sein eigenes Leben proaktiv (nicht als bloße Reaktion auf Erwartungshaltungen) zu steuern bzw. Affekte wirksam zu kontrollieren.

Doch letztendlich bestehen im Sinne Dahrendorfs die Lebenschancen eines jeden Individuums aus Optionen (Anrechte, Angebote etc.) einerseits und Ligaturen (Bindungen an kulturelle Werte und soziale Gemeinschaften) andererseits. Während eine totale Chancenlosigkeit und Fremdbestimmung (Optionen = 0) das Leben eines Menschen terrorisieren kann, ist auch eine Reduktion der menschlichen Beziehungen und Wertvorstellungen auf Null ein unerwünschtes Lebensszenario. Dies bedeutet im Klartext: Ohne Mitmenschen und verbindliche Werte ist ein Leben sinnfrei.

Video: Konflikte LÖSEN – Umgang mit schwierigen KONFLIKTEN

Doch die tagtäglich wahrnehmbaren Entscheidungszumutungen sowie Zwänge zur Selbstoptimierung gewinnen gerade durch einen nachweisbaren Trend zum Bindungsverlust an erdrückender Schwere. Schließlich fehlen Institutionen, nach denen sich die eigenen Entscheidungen ausrichten lassen, und ein ungehindert selbstkritischer Mensch wird mit sich und seinem Leben nie gänzlich zufrieden sein. Zum Glück gibt es in Deutschland nach wie vor eine Vielzahl von Organisationen, die sich im sogenannten „dritten Sektor“ (weder dem Markt noch dem Staat hörig) um gemeinnützige Aufgaben kümmert. Doch auch jene Organisationen im dritten Sektor stehen im harten Wettbewerb zueinander – vor allem im Wettbewerb um finanzielle Zuwendungen.

Alle Menschen kämpfen mit den Anforderungen der Zukunft und streben nach der Erfüllung eigener Erwartungen sowie von Fremderwartungen. Nur können sich manche in diesem Streben auf ihre Herkunft bzw. auf ihr soziales Umfeld verlassen. Andere wiederum müssen ihr Leben weitestgehend alleine auf die Reihe bringen, was Erkrankungen und soziale Exklusion zur Folge haben kann. Der Ausbau von Mut und Vertrauen zur Gestaltungsfreude in der eigenen Lebensführung spielt in diesem Zusammenhang eine wesentliche Rolle.

Daher sollte jeder Bürger in Deutschland sich nicht nur politisch engagieren, um seine Vorstellungen einer gerechten Welt durchzusetzen, sondern auch sozial – vor allem wenn eine Sozialstruktur fortwährend „Bildungsverlierer“ erzeugt. Sie als Bürger haben es daher in der Hand, ob Ihre Mitmenschen ein gerechtes Leben führen und ihre Potenziale voll ausschöpfen oder nicht. Letztendlich gilt: Wenn jeder wachsam ist, auf seine Umgebung achtet und hilft, wo er gebraucht wird, kann die Welt Stück für Stück besser werden. Keine Zeit für politisches oder soziales Engagement zu haben, ist lediglich ein Ausdruck des Wertewandels.

Dies gilt es zu ändern: Menschen sollten mehr Anerkennung denen zollen, die sich für ihre Mitmenschen einsetzen. Auch wenn sich die heutige Selbstoptimierung schwer aufhalten lässt, so könnte politisches und soziales Engagement in die individuellen Vorstellungen eines „guten“ Lebens dennoch Eingang finden. Hierfür sollte der Staat Anreize schaffen – nicht nur finanzieller Natur.


Bildnachweis:©Shutterstock-Titelbild: VGstockstudio -#01: CREATISTA  -#02: leungchopan

Über Marius Beilhammer

Marius Beilhammer, Jahrgang 1969, studierte Journalismus in Bamberg. Er schreibt bereits viele Jahre für technische Fachmagazine, außerdem als freier Autor zu verschiedensten Markt- und Businessthemen. Als fränkische Frohnatur findet er bei seiner Arbeit stets die Balance zwischen Leichtigkeit und umfassendem Know-how durch seine ausgeprägte Affinität zur Technik.

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