Mehr als 60 Prozent aller deutschen Arbeitnehmer sind Pendler. Das bedeutet, dass sie für ihren Job die tägliche Fahrt zum Arbeitsplatz auf sich nehmen – sei es per Auto, mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder gar mit dem Fahrrad. Im Vergleich zu früheren Zeiten ist neu, dass immer mehr Pendler längere Arbeitswege auf sich nehmen. Sogar Wochenend- und Zweitwohnort-Pendler sind dabei keine Seltenheit mehr. Der Grund ist simpel: Mittlerweile geben ein bis zwei Prozent der Fernpendler an, dass ihr Arbeitsplatz mehr als 100 km vom eigentlichen Wohnsitz entfernt liegt.
Und inmitten dessen finden sich immer mehr hybride Arbeitsmodelle, die Pendeln und Homeoffice kombinieren. Während beim Homeoffice die Anfahrt zum Arbeitsplatz gänzlich entfällt, kann das Pendeln hingegen mit viel Stress und Aufwand verbunden sein. Ein Beispiel hierfür sind Mitarbeitende im Bau oder in der Montage, die bisweilen über Wochen an ihrem Einsatzort bleiben und lediglich über das Wochenende heimfahren.
Die Ursachen der neuen Pendelrealität
Ein Großteil der Jobs hierzulande ist in Ballungsgebieten wie München angesiedelt, wo mehr als 450.000 Pendler aus dem Umland ihren Arbeitsplatz haben. Ähnlich verhält es sich auch in Berlin, Frankfurt und Hamburg. Dem Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen zufolge gibt es derzeit mehr als 20 Millionen Menschen, die in einer anderen Gemeinde arbeiten, als sie wohnen. Hinzu kommt ein Faktor, der Deutschland bereits seit einigen Jahren beschäftigt: der Fachkräftemangel. Dieser sorgt unweigerlich dafür, dass Unternehmen überregional nach geeignetem Personal suchen müssen.
Ein weiterer Treiber der Entwicklung sind die hohen Wohnkosten in den Großstädten. Umfragen zufolge beklagen mittlerweile zwei von drei Personen eine Wohnungsnot oder steigende Mieten. Beinahe jede zweite Person kennt jemanden in ihrem engeren Umfeld, der wegen Mietproblemen seinen Job gewechselt hat. Steigen die Mieten in der Stadt, suchen sich viele Arbeitnehmer daher günstigeren Wohnraum am Stadtrand oder in ländlichen Regionen und werden dadurch zu Pendlern.
Ferner gibt es gewisse Berufsgruppen und Branchen, die traditionell mit höheren Mobilitätsanforderungen konfrontiert sind. Hierzu zählen insbesondere Beschäftigte im Handwerk, in der Montage, in der Logistik oder im Veranstaltungsbereich. Trotz der teils weiten Strecken zum Arbeitsplatz und zurück entscheiden sich die meisten Personen jedoch dazu, aufgrund von persönlichen Bindungen den Wohnsitz nicht zu ändern.
Wie Pendeln heute konkret aussieht
Die klassischen täglichen Fernpendler leben durchschnittlich etwa 17 km von ihrem Arbeitsplatz entfernt und geben überwiegend an, für die Anfahrt weniger als 30 Minuten zu benötigen. Nur etwa sechs Prozent benötigen mehr als eine Stunde. Mit einem Anteil von 65 Prozent ist und bleibt das Auto das mit Abstand populärste Verkehrsmittel. Angesichts der vollen Züge und Busse in Großstädten mag es zwar anders wirken, doch nutzen lediglich 16 Prozent aller Bundesbürger den ÖPNV, um zu ihrem Arbeitsplatz zu kommen.
Bei den Wochenendpendlern handelt es sich um eine vergleichsweise kleine Gruppe, die meist einen Nebenwohnsitz am Arbeitsort hat und ausschließlich an den Wochenenden nach Hause fährt. Beinahe jeder dritte gemeldete Zweitwohnsitz in Deutschland ist darauf zurückzuführen. Etwas anders verhält es sich beim projektbezogenen Arbeiten: Hier werden zumeist lange Arbeitswege in Kauf genommen oder ein temporärer Zweitwohnsitz, wie Monteurzimmer, Serviced Appartements, Boardinghouses oder Gästehäuser, genutzt.
Hybride Arbeitsmodelle, die das Homeoffice mit vereinzelter Anwesenheitspflicht am Arbeitsplatz verbinden, weisen hingegen Vorteile für Arbeitnehmer und Städte auf. Denn während Arbeitnehmer nur an einigen Tagen pendeln müssen, senkt dies zugleich das Verkehrsaufkommen.
Der Einfluss des Pendelns auf Beschäftigte
Warum hybride Arbeitsmodelle so beliebt geworden sind, lässt sich an anderen Faktoren erklären. Je länger der Weg zur Arbeit, umso mehr Zeit geht dabei verloren. Dass sich dies maßgeblich auf den Alltag auswirkt, ist nachvollziehbar. So verringern lange Arbeitswege nicht nur die Freizeit, sie sind auch Stressfaktoren und kosten Geld in Form von Treibstoff oder Fahrkarten. Vier von fünf Befragten mit einem Arbeitsweg zwischen zehn und 30 Kilometern geben gar an, sich dadurch psychisch belastet zu fühlen.
Darüber hinaus leidet nicht selten auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familienleben. Vor allem Mütter tendieren immer öfter dazu, das Pendelaufkommen so gering wie möglich zu halten, um mehr für ihre Kinder da sein zu können, selbst wenn dies mit einem Jobwechsel verbunden ist. Allerdings bietet das Pendeln auch Chancen. Wer bereit ist, einen längeren Arbeitsweg in Kauf zu nehmen, profitiert von einem breiteren Stellenmarkt.
Unternehmen stehen ebenfalls vor Herausforderungen
Unternehmen sind ebenfalls von der neuen Pendelrealität betroffen, denn sie müssen Personal längst überregional rekrutieren. Zugleich besteht die Gefahr, dass die Anfahrt zum Arbeitsplatz zur stillschweigenden Anforderung wird. Dies lässt sich damit belegen, dass die Kündigungswahrscheinlichkeit um über 90 Prozent höher ist, wenn der Arbeitsweg mehr als 21 km beträgt.
Auch aus logistischer Sicht gibt es gewisse Hürden. So müssen Unternehmen immer stärker darauf achten, die langen Anfahrten ihrer Angestellten zu berücksichtigen, während projektbezogene Arbeitnehmer mit wechselnden Standorten Unterkünfte vor Ort benötigen. Um die Angestellten zugleich bei Laune zu halten, ergreifen viele Unternehmen mittlerweile vielfältige Maßnahmen. Diese reichen von finanziellen Zuschüssen bis zu modernen Ansätzen wie dem Fahrrad-Leasing.
Regionale und gesellschaftliche Dimension
Ein Blick auf die Daten verrät, dass die Pendlerrealität regional verschieden sein kann. Während die Wege in ländlichen Gebieten oftmals deutlich länger sind, fallen sie in Ballungsgebieten in der Regel kürzer aus. So beträgt der durchschnittliche Arbeitsweg im brandenburgischen Märkisch-Oderland beispielsweise 27,4 km, während er in Emden lediglich 9,9 km beträgt.
Hinzu kommt, dass ländliche Regionen mit infrastrukturellen Problemen wie unzureichenden ÖPNV-Anbindungen zu kämpfen haben, wodurch das Auto für viele Arbeitnehmer zum Muss wird. Gleichzeitig bedeutet dies für mobilitätseingeschränkte Personen, dass ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt sinken. Innerhalb der Gesellschaft wird das Pendeln aus diesem Grund längst nicht nur als ein Verkehrsproblem angesehen. Vielmehr betrifft es auch direkt den Arbeits- und Wohnungsmarkt.
Mögliche Lösungsansätze für Pendler
Wenngleich das Pendeln für viele Arbeitnehmer eine Belastung darstellt, gibt es Hoffnung. Denn auf unterschiedlichsten Ebenen werden vielfältige Lösungsansätze ausprobiert. Während Unternehmen ihren Angestellten mit flexiblen Arbeits- und Arbeitszeitmodellen entgegenkommen, greifen sie ihnen zusätzlich durch Fahrtkostenzuschüsse unter die Arme. Mobilitätspartnerschaften zwischen Kommunen, Unternehmen sowie ÖPNV-Betreibern in Form von Pendlerbussen sowie vergünstigten Job-Tickets sind ebenfalls ein Ansatz, der Arbeitnehmer entlastet.
Langfristig wird es zudem notwendig sein, die dichte Wohnbebauung um die Arbeitsstandorte zu fördern und die Mietkosten in Großstädten zu senken. Parallel müssen insbesondere die ländlichen Kommunen daran arbeiten, Arbeitsplätze vor Ort zu schaffen, damit nicht alle Wege in die Metropolen führen und eine Abwanderung der Bevölkerung verhindert.
Wie geht es weiter?
Auf absehbare Zeit wird das Pendeln in Deutschland ohne Zweifel weiterhin zur Realität vieler Arbeitnehmer gehören. Zwar hat das Homeoffice in einigen Branchen durchaus Türen geöffnet, doch kann es nur einen Teil der Herausforderungen lösen. Vielmehr wird es künftig darauf ankommen, dass Arbeitswege sozial verträglich sind. Grundsätzlich lässt sich jedoch festhalten, dass die neue Pendelrealität in Deutschland in gewisser Weise auch den Zustand des hiesigen Arbeitsmarktes widerspiegelt. Es wird deutlich, dass Arbeitsplätze und Wohnorte oft noch etliche Kilometer voneinander entfernt sind. Die Frage dürfte daher lauten, wie Politik und Wirtschaft dieses Ungleichgewicht angehen, um die damit verbundenen Probleme für Arbeitnehmer zu reduzieren.

