Exklusiver Klub der 100-Jährigen
Herr Dr. Neumann, was genau bedeutet demografischer Wandel?
Alf Neumann: Unter dem "demografischen Wandel" versteht man die Änderung der Altersstruktur der Gesellschaft, aber auch die Chancen und Herausforderungen die daraus entstehen. Hier ist weltweit die steigende Lebenserwartung ein wesentlicher Treiber der Veränderung, in den allermeisten Industrieländern kommen sehr geringe Geburtenraten hinzu. So liegt die Geburtenrate in Deutschland seit einigen Jahrzehnten bei nur noch 1,4 Kindern pro Frau. Anders ausgedrückt: die jetzt aufwachsende Generation enthält rund 30 Prozent weniger Menschen als ihre eigene Elterngeneration - und das wird nicht ohne erhebliche Folgen für die Gesellschaft bleiben. Ein weiterer Faktor sind natürlich Wanderungsbewegungen zwischen den einzelnen Staaten, die einen gewissen Ausgleich für sinkende Geburtenraten bewirken können - was in Deutschland jedoch bei weitem nicht gelingt.
Statistiker sagen, dass die Bevölkerung in Deutschland 'altert', woher kommt dieser Befund?
Neumann: Eine Bevölkerung 'altert', wenn die Menschen länger leben und gleichzeitig weniger Kinder geboren werden. Das ist in Deutschland der Fall. Die heutige Lebenserwartung einer Frau liegt in unserem Land bei 82 Jahren - und das berücksichtigt noch gar nicht den zu erwartenden künftigen medizinischen Fortschritt. Im 19. Jahrhundert war dies ein unvorstellbarer Mittelwert. Im Jahr 1891 bei Einführung der deutschen gesetzlichen Rentenversicherung lag die Lebenserwartung einer Frau noch bei 40 Jahren. In der Folge dieser Änderungen hat sich z.B. der Anteil der über 65 Jährigen an der deutschen Bevölkerung alleine seit 1970 um 50 Prozent erhöht und wird sich bis 2040 abermals um 50 Prozent erhöhen. Daraus ergeben sich für die Gesellschaft ganz erhebliche Herausforderungen.
Menschen sollen künftig 100 Jahre alt oder sogar älter werden. Ist das aus Ihrer Sicht realistisch?
Neumann: Ja, absolut! Aktuell lässt sich ein jährlicher Anstieg der Lebenserwartung in Deutschland um zwei bis drei Monate beobachten, da die Sterblichkeiten in allen Altersklassen weiter zurückgehen. Dies führt dazu, dass die heute geborenen Mädchen bei Fortsetzung des Trends durchschnittlich 100 Jahre alt werden dürften.
Ein Trend ansteigender Lebenserwartungen in dieser Größenordnung ist übrigens seit deutlich mehr als 100 Jahren weltweit in sehr stabiler Form in den industrialisierten Ländern zu beobachten.
Für Entwicklungsländer ist dieser Trend oftmals noch rasanter - sie starten von einem geringeren Niveau, gleichen sich aber nach und nach erkennbar an die Industrieländer an.
Wer hat heute die besten Voraussetzungen, es in den noch sehr exklusiven Klub der 100 Jährigen zu schaffen?
Neumann: Ich bin froh, dass ich das nicht für den Einzelnen vorhersagen kann! Aber dem Rat des Arztes zu folgen und auf das Rauchen zu verzichten und sich körperlich fit zu halten ist sicher die beste Maßnahme dazu. Wir beobachten denn auch die höchsten Lebenserwartungen bei gut ausgebildeten Personen - so etwa Akademikern oder Beamten - die zudem zu den Nichtrauchern gehören. Und ein weiterer sehr stabiler Vorteil für die Lebenserwartung ist es, eine Frau zu sein.
Wann müsste nach derzeitiger Datenlage ein Klub für 150-Jährige eröffnet werden?
Neumann: Bis heute sind nur einige wenige Personen belegt, die das Alter von 120 Jahren nachweislich erreicht haben. Über eine Erhöhung dieser heute zu beobachtenden Schallmauer lässt sich daher statistisch nichts aussagen - womit sich dann keine aktuariellen Schlüsse ziehen lassen. Für den demografischen Wandel entscheidend sind jedoch nicht diese Rekorde, sondern wie viele Menschen den 80., 90. oder gar 100. Geburtstag erleben. Und wie wir es ermöglichen, dass diese Menschen in Gesundheit und Selbständigkeit leben können. Der Klub der 100jährigen bräuchte schon heute in Deutschland eine sehr große Halle für eine Vollversammlung - so hat der Bundespräsident allein im Jahr 2007 über 5.000 Deutschen zu ihrem hundertsten Geburtstag gratuliert. Diese Eintrittszahlen in den "Über-Hundert-Klub" steigt zudem rapide.
Lebensversicherer bemessen Beiträge und Leistungen auf Grundlage der Sterblichkeiten. Wie berechnen Aktuare Sterbetafeln?
Neumann: Die Aktuare gehen zunächst von Beobachtungen der Sterblichkeit in den Versichertenbeständen, in der allgemeinen Bevölkerung und der deutschen Rentenversicherung aus, um Grundinformationen zu gewinnen. Zudem wird der kurz-, mittel- und langfristige Trend der Lebenserwartungen in möglichst großen Gruppen - in der Regel der kompletten deutschen Bevölkerung - mit dem Trend in den Versichertenkollektiven verglichen.
Ausgehend von diesen Beobachtungen wird eine Sterbetafel für den Versichertenbestand hergeleitet, die zum Beispiel auch direkt wiedergibt, dass die Sterblichkeit einer heute 70-Jährigen z.B. in 10 Jahren, wenn sie das Alter 80 erreicht hat um ca. ein Fünftel niedriger sein wird, als dies für eine heute 80-Jährige im Schnitt der Fall ist.
Sind "immer älter werdende Menschen" auch ein Risiko für Lebensversicherer? Wie gehen sie damit um?
Neumann: Diese Risiken gehören zu unserem Kerngeschäft und werden von uns von vornherein berücksichtigt. Dazu stellen wir sicher, dass wir ausreichend hohe Rückstellungen bilden um die von uns zugesagten Renten auch wirklich für jeden Kunden lebenslang - d.h. oftmals in vielen Jahrzehnten von heute aus gesehen - bezahlen zu können.
Die dabei getroffenen Annahmen für die Zukunft werden fortlaufend überprüft. Erkennen wir, dass diese nicht ausreichend vorsichtig gewählt waren, so erhöhen wir frühzeitig die Rückstellungen. Treffen hingegen die Annahmen zu, so entstehen Überschüsse, an denen wir die Kunden mit einem sehr hohen Anteil beteiligen.
Zum Beispiel konnten wir in der Vergangenheit beobachten, dass Personen, die eine private oder betriebliche Rentenversicherung abschließen, deutlich geringere Sterblichkeiten und damit höhere Lebenserwartungen aufweisen als die durchschnittliche Bevölkerung. Diese Effekte haben wir selbstverständlich berücksichtigt.
Meinen Sie das ernst: Wer länger leben will, kauft sich eine Lebensversicherung?
Neumann: Das wäre natürlich ein tolles zusätzliches Verkaufsargument! Die statistische Beobachtung ist da jedoch ganz neutral: es ist einfach so, dass sich unter den Menschen, die eine Rentenversicherung gekauft haben, besonders viele mit einer hohen Lebenserwartung befinden - eine Begründung liefert die Statistik in diesem Sinne nicht. Vermutlich ist es aber gar nicht so kompliziert: gut informierte Menschen mit ein bisschen Weitblick leben anscheinend ganz allgemein länger, da sie insbesondere mehr auf sich achten als andere. Und zu wem passt eine Versicherung besser als zu einem solchen gut informierten Menschen mit Weitblick?
Interview: Jennifer Gunther
Diese Aussagen stehen, wie immer, unter unserem Vorbehalt bei Zukunftsaussagen, der Ihnen oben rechts zur Verfügung gestellt wird
Quelle: Pressemeldung Allianz
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